Wie der ein oder andere von euch vielleicht mitbekommen hat, war ich neulich mit Mika auf einem Wochenendseminar am schönen Chiemsee: Christina Sondermann von SPASS-MIT-HUND gastierte dort bei animal learn, um uns lernwilligen Seminarteilnehmern das Konzept der Positiven Psychologie im Hundetraining oder eigentlich allgemeiner: in der Hundehaltung näherzubringen.

Neben der guten Gelegenheit, einmal ein Seminar bei der unangefochtenen „Queen of Hundebeschäftigung“ mitzuerleben, fand ich auch das Thema extrem spannend. Ein paar Eindrücke und Informationen aus dem Seminar möchte ich euch heute zusammenfassen.

Do more of what makes you happy: Das überraschend einfache Prinzip der positiven Psychologie

Als manchmal doch etwas gestresste Großstadt-Hundehalterin war ich schon enorm gespannt, was Christina Sondermann an Handwerkszeug für uns mitgebracht hatte. Und um die Erkenntnis gleich vorweg zu nehmen: Der Weg zu einem positiveren Miteinander mit dem Vierbeiner ist erstaunlich einfach!

Den Alltag positiv gemeinsam erleben: Seminar zur "Positiven Psychologie" mit Christina Sondermann
Den Alltag positiv gemeinsam erleben: Seminar zur „Positiven Psychologie“ mit Christina Sondermann

Aber der Reihe nach: Warum eigentlich Positive Psychologie und was bedeutet das überhaupt? Ursprünglich stammt die Bezeichnung aus der Human-Psychologie. Geprägt wurde der Begriff und die damit verbundene Strömung vom US-amerikanischen Psychologen Martin Seligman: Er wollte weg von der Problem-Zentriertheit der ‚klassischen‘ Psychologie, die in erster Linie Defizite sieht, die behoben / therapiert werden müssen. Stattdessen rückte er die Ressourcen in den Vordergrund, die den Menschen stärken und es ihm ermöglichen, ein lebenswerteres Leben zu führen. Also zusammengefasst: Do more of what makes you happy (and you will be… happier!) and care less about what makes you unhappy!

„Klingt einfach, wie? Ich weiß, ich kann’s mir schenken
doch steht das Wasser bis zum Hals, hilft positives Denken“

Die Fantastischen Vier, Lass die Sonne rein

Wichtig ist dabei: Es geht nicht darum, ständig positiv zu denken und sozusagen mit Selbstsuggestion ein schöneres Leben zu erreichen. Hinter dem Prinzip steckt mehr: Schon vorhandene Stärken sollen gefördert, bereits bestehendes Positives soll bewusst wahrgenommen werden. Durch die positiven Erlebnisse werden auch biochemische Veränderungen im Gehirn ausgelöst, die im besten Fall dazu beitragen, dass ’schlechte Phasen‘ oder Probleme besser bewältigt werden können.

Lehre tut viel, aber Aufmunterung tut alles: Für wen eignet sich die Positive Psychologie?

Kurz gesagt: für jeden! Und ein wenig länger: So ziemlich jeder trägt ja ein kleines oder ein größeres Päckchen mit sich herum, was seinen Hund angeht, oder hat Dinge, die ihn (vielleicht auch nur in bestimmten Situationen) am Hund nerven – ganz besonders, wenn man einen verhaltenskreativen Hund sein eigen nennt. Bei manch einem wächst sich dies zu ernsten Problemen aus, unter dem das Zusammenleben generell leidet: Alles dreht sich um die Themen, die man mit dem Hund ‚aushandeln‘ will oder muss, und viele Erfolge, die man dann beim Training oder Management erzielt, beeinträchtigen auch noch die eigene Lebensqualität, weil man, damit der Hund nicht mehr aufs Sofa geht, vielleicht gleich das ganze Sofa abschafft.

Ganz besonders für Angsthunde ist die Anwendung der Positiven Psychologie lohnenswert, da das Selbstbewusstsein gesteigert wird und so oft auch eine Verbesserung an den Angstauslösern festzustellen ist. Aber auch ohne ‚Problemhund‘ kann sich die Positive Psychologie für das Mensch-Hund-Gespann bewähren, da sowohl Hundehalter als auch Vierbeiner die Beziehung bewusster oder angenehmer wahrnehmen – und so auch die vielbeschworene Bindung gestärkt wird.

Bei bestem Wetter und in schöner Bergkulisse ließ sich Positive Psychologie bestens erlernen
Bei bestem Wetter und in schöner Bergkulisse ließ sich Positive Psychologie bestens erlernen

Lass die Sonne rein: Wie man Positive Psychologie mit dem Hund lebt

Das wunderbare an der Positiven Psychologie ist, dass ihr Grundprinzip so einfach ist. Und diese Einfachheit zeigt sich auch bei der Umsetzung im Alltag. Ein paar Gedanken muss man sich aber doch vorab machen:

  • Was mag der Hund?
  • Wo hat er seine Stärken?
  • Was macht gemeinsam Spaß?

Und natürlich umgekehrt:

  • Was löst bei mir oder dem Hund negative Empfindungen aus?
  • Welche Störfaktoren für das Wohlbefinden gibt es und lassen sie sich vielleicht leicht eliminieren oder vermeiden?
  • Kann an den Lebensumständen etwas verbessert werden, um das (körperliche) Wohlbefinden zu steigern?
Nicht nur denken, sondern auch handeln: Aktiv gelöste Problemstellungen schaffen Erfolgserlebnisse und fördern das Wohlbefinden
Nicht nur denken, sondern auch handeln: Aktiv gelöste Problemstellungen schaffen Erfolgserlebnisse und fördern das Wohlbefinden

Ein gutes und leicht handhabbares Werkzeug bildet für diese Überlegungen die Bilanzliste: Auf dieser wird für einen bestimmten Zeitraum (z.B. 1 Tag oder eventuell auch 1 Woche) notiert, was für den Menschen an schönen Dingen in Bezug auf den Hund passiert ist und was an unschönen. Danach wird außerdem eine entsprechende Liste aus Sicht des Hundes angelegt für den gleichen Zeitraum. Dabei hilft es natürlich ungemein, wenn man sich schon mal Gedanken gemacht hat, was der Hund generell gerne mag und was weniger. Aus der Bilanz von positiven und negativen Dingen könnt ihr schon ablesen, wie es um das ‚Gesamtgefühl‘ bei euch bestellt ist: natürlich sollten die positiven Dinge überwiegen!

Wenn das Negative überwiegt, solltet ihr daran arbeiten, die Bilanz wieder zu ’schönen‘: Versucht, negative Aspekte zu reduzieren und mehr positive Dinge einzubauen! Oft helfen da schon Kleinigkeiten: einmal häufiger streicheln und den Spaziergang von der stressigen Hundewiese in den ruhigen Wald verlegen, schon sieht die Bilanz ganz anders aus!

But when you feel so powerless what are you gonna do: Spielend zum Glück

Vielleicht kennt der ein oder andere von euch den Begriff „erlernte Hilflosigkeit“? Gemeint ist das Resignieren, das Aufgeben angesichts von Problemen, die als nicht kontrollierbar erlebt werden. Manch Hund (und auch Mensch) lebt leider unter Umständen, die es in die erlernte Hilflosigkeit treibt – und kommt dann glücklicherweise vielleicht über den Tierschutz in eine neue Umgebung, die es erlaubt, ihm diese wieder zu nehmen. Andere Hunde eignen sich Strategien an, um mit unangenehmen Dingen umzugehen, die zum Beispiel vom Menschen nicht erwünscht sind und für die es auch alternative Strategien gibt, ein klassisches Beispiel ist da sicher Aggression statt Distanz schaffen bei Hundebegegnungen.

Gerade bei solchen Problemen kann die Positive Psychologie helfen: Über das (als positiv empfundene) Spiel führt man den Hund an Problemlösungsstrategien heran. In der Regel macht das Problemlösen im Rahmen von Denkspielen Hunden Freude, sorgt also für positive Stimmung. Zudem übt er verschiedene Lösungsmöglichkeiten in kleinen Schritten ein – und das führt im besten Fall dazu, dass er in schwierigeren Situationen überhaupt einmal bemerkt, dass es auch dafür andere Lösungen geben könnte. Auch das kreative Clickertraining kann hier äußerst förderlich sein.

Empowerment, Stufe 3: Wenn einen auch zeitweise ausbleibender Erfolg nicht mehr schrecken kann :-)
Empowerment, Stufe 3: Wenn einen auch zeitweise ausbleibender Erfolg nicht mehr schrecken kann 🙂

Einen riesigen Fundus an Spiel- und Clicker-Ideen gibt es auf SPASS-MIT-HUND.de. Das Ziel: Empowerment, die Fähigkeit zum selbständigen und selbstbestimmten Handeln.

Ich möchte nicht verschweigen, dass ein ‚empowerter‘ Hund seinen Menschen hin und wieder vor ganz neue Herausforderungen stellt. Trotzdem bin ich froh, dass Mika so viel Freude am Problemlösen hat und in vielerlei Hinsicht bereits ‚empowered‘ ist: Die Verantwortung, die ich für ihn übernommen habe, erstreckt sich für mich nicht nur darauf, dass ich für seine körperliche Unversehrtheit sorge. Sein psychisches Wohlbefinden ist mir – soweit ich es mitbeeinflussen kann – ebenso wichtig und dazu gehört für mich ganz einfach auch, dass er denken darf und dass ich akzeptiere, dass er ’seinen eigenen Kopf‘ hat.

Wie ist es bei euch: Findet ihr die Positive Psychologie interessant oder setzt ihr vielleicht sogar schon Teile davon ein? Und würdet ihr sagen, dass euer Hund ‚empowered‘ ist?

Zum Weiterlesen:

Maria Hense / Christina Sondermann
Perspektivwechsel: Positive Psychologie für Hunde*
Stärken fördern statt Schwächen bekämpfen
Cadmos Verlag, Schwarzenbek 2014


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Hallo, mein Name ist Alexandra. Vor sechs Jahren zog Mika, ein ungarischer Mischling, aus dem Münchner Tierheim zu mir in die Stadtwohnung. Seitdem machen wir auf sechs Beinen die Stadt und das Umland unsicher. Als Hundenärrin möchte ich auf Isarhunde.de andere Münchner Hundehalter über die "Hundeszene" der Stadt auf dem Laufenden halten, von Erlebnissen berichten und tierische Fundstücke vorstellen.

9 Comments

  1. Chris Sagt Antworten

    Das klingt nach einem sehr spannenden Seminar. Wir versuchen auch, die positive Psychologie anzuwenden und ich mag es sehr, mit dem Clickertraining neue Dinge zu erlernen. Die klassischen Suchspiele, die ja die meisten Hunde auch mögen, sind allerdings nicht so meins.

    Wuff-Wuff dein Chris

    • Alexandra Sagt Antworten

      Hallo lieber Chris 🙂 , Clickern ist auch wirklich super und noch mal anders kreativ als Suchspiele bzw. finde ich es auch toll, was die Zusammenarbeit mit dem Menschen angeht – also einerseits agiert ihr Vierbeiner dabei ganz selbständig, andererseits müsst ihr ja auch darauf achten, was das Frauchen gerade gut findet… 😉 . Mika clickert auch sehr gerne, aber manchmal dreht er dabei auch ganz schön hoch – da muss ich immer etwas darauf achten, nicht zu lange am Stück zu machen, sonst kommt nur Quatsch dabei rum 😉 .

      • Chris Sagt Antworten

        Quatsch? Aber Quatsch ist doch des Hundes zweiter Vorname. Und dieser Quatsch bringt die erstaunlichsten Tricks zu Tage. Ich denke da an Lindas Gebetsstunden, wo das Ziel eine Rolle war. Und ganz wichtig ist in dem Zusammenhang auch die Körpersprache. Da reagiere ich sehr stark drauf. Ich sollte etwas festhalten lernen. Frauchen reicht es mir zehn Mal mit der rechten Hand an, ich habs geschnallt. Dann reicht sie mir den gleichen Gegenstand mit der linken Hand. Ich wusste nicht, was sie von mir wollte.

        Wuff-Wuff dein Chris

        • Alexandra Sagt Antworten

          Hihi, ja, da hast du Recht – und im kreativen Quatschmachen seid ihr Wuffels auch wirklich spitze :-)! Bloß wenn es dann ins überdreht-hektische Quatschmachen andriftet, muss man irgendwann doch mal ein Päuschen einlegen 😉

  2. Saskia Sagt Antworten

    Sehr interessant! 🙂 Und ich gebe zu, ein wenig neidisch bin ich auch. Ein Seminar bei Christina Sondermann würde mich auch sehr reizen.

    Kannst du noch was zu den beiden Videos sagen? Was hatte es denn mit dem Karton auf sich?

    • Alexandra Sagt Antworten

      Huhu liebe Saskia, ich kann ein Seminar bei ihr auch auf jeden Fall voll und ganz empfehlen, sehr nette Atmosphäre, alle Inhalte super vermittelt und ein Riiiieeeeesen-Arsenal an „Spielzeug“ dabei – klasse! Ah, ja, bei den Videos stand die Beschreibung jetzt natürlich nicht dabei… Also, eigentlich war das ein ’normales‘ Such- bzw. Wie-komm-ich-an-das-Leckerli-Spiel (sprich im Karton war ein Leckerli), das natürlich angesichts der Größe des Kartons durchaus eine größere Herausforderung war (was man ja auch daran sieht, dass Mika damit eine ganze Weile beschäftigt war). Christina hat an einer Stelle etwas helfen wollen, indem sie eine kleine Schüssel unter eine Ecke stellte, damit der Karton leichter umkippt, aber Mika hat ihn darüber hinweg geschoben 😉 . Zwischendurch auch eine kurze Übersprungshandlung (mal sehen, ob was in der Decke versteckt ist – da hatten wir vorher Leckerlis gesucht), aber insgesamt ist Mika recht gut am Ball geblieben und das Reinkrabbeln in den Riesenkarton war dann auch kein Problem (bloß das Rauskrabbeln fand er nicht so super, wie man am Schluss sieht – hat sich aber auch direkt wieder ‚gefangen‘). Joa, lange Rede, kurzer Sinn: Das war eines der Spiele / Beschäftigungen, die wir dort ausprobiert haben, bei denen der Hund sich eben selber eine Lösung erarbeiten musste 😉 . Toll war übrigens, dass nur drei Hunde im Seminar waren, da hatte jeder richtig viel Zeit zum Ausprobieren und Beschäftigen 🙂

  3. Socke-nHalterSin Sagt Antworten

    Ich liebe solche Seminare und finde das Thema äußerst spannend.
    Da wir im Juni ein Seminar haben, auf das wir uns vorbereiten müssen, notier ich mir ganz fix das genannte Buch. Denn es ist eigentlich leicht nachvollziehbar, dass die eigene Einstellung wichtig ist beim Zusammenleben mit der eigenen Fellnase. Leider ist es nicht immer leicht positive Energie zu haben und zuversichtlich zu sein….

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

    • Alexandra Sagt Antworten

      Hallo liebe Sabine, das Thema ist auch wirklich spannend, eben weil es so ‚allgemeingültig‘ ist. Ich muss zugeben: Mir hat es manchmal fast ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet, dass es wirklich so einfach sein soll – ich neige da einfach zum Verkomplizieren 😉 . Aber es ist ja tatsächlich so, dass man sich da selber ein Stück weit ‚austricksen‘ kann, so wie zum Beispiel wenn man sich im Spiegel anlächelt (also mit einem ‚künstlichen‘ Lächeln), es tatsächlich die Laune hebt und sogar körperliche Auswirkungen von Stress reduziert (siehe http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/laecheln-bei-stress-senkt-die-herzschlagrate-a-847420.html). Das ist wahnsinnig spannend, wie da Psyche und Körper auch zusammenhängen, wie man sein Gehirn quasi ‚umprogrammieren‘ kann… Ich gebe dir zu 100% Recht, dass das mit der positiven Energie und Zuversicht oft deutlich leichter gesagt als umgesetzt ist. Der Trick bei der Positiven Psychologie ist aber ja, dass man (theoretisch) automatisch mehr positive Energie bekommt und zuversichtlicher wird, indem man Dinge tut, die ‚gut funktionieren‘, einem Erfolgserlebnisse bescheren etc. Zugegeben: Auch das kann man nicht immer bzw. die anderen Dinge, die nicht gut funktionieren oder die einem Probleme bereiten, lassen sich oft nicht einfach so abstellen. Aber (theoretisch) werden sie einem auch leichter fallen, wenn man (durch die Erfolgserlebnisse) insgesamt positiver (stressresitenter, ‚resilienter‘) gestimmt ist. Puh, ich hoffe, ich konnte es einigermaßen verständlich rüberbringen – das Buch kann das aber sicher deutlich besser als ich 😀

  4. Leckerchen der Woche, 1/2015 | Isarhunde Sagt Antworten

    […] einer Weile habe ich ja über die Positive Psychologie im Hundetraining berichtet. Und nun dachte ich mir: Vielleicht sollte ich sie einfach auch mal auf mich anwenden! […]

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