Anna von Canistecture und Claudia von hirnundhund haben ihren Lesern einen Einblick in ihre tierischen Rituale mit ihren Hunden gegeben und andere Blogger aufgerufen, auch etwas zu dem Thema zu schreiben. Na, da mache ich doch gerne mit :-)!

Mit Struktur durch den Tag

Hunde sind Gewohnheitstiere – und bei Mika geht das manchmal so weit, dass ich fast schon geneigt bin, von leicht autistischen Zügen zu sprechen ;-). Einerseits ist er wirklich grandios darin, sich anzupassen an die gerade gegebenen Bedingungen, andererseits schaut er mich schon schief von der Seite an, wenn wir mal nicht an der seiner Meinung nach richtigen Stelle die Straße überqueren. Wenn ich also falsch weitergehe, läuft er mir immer halb fragend vor die Füße, als würde er sagen wollen: „Hallo, Frauchen, müssen wir nicht eigentlich da hinten über die Straße? Hm? Hm?“ Aus genau diesem Grund versuche ich auch bestimmte Abläufe immer mal wieder zu variieren: So bleibt meiner Meinung nach die Bereitschaft zu Flexibilität erhalten!

The same Procedure

Routine und Rituale geben Hunden auf der anderen Seite Orientierung und Sicherheit. Gerade in hektischen Umgebungen oder bei größeren Veränderungen wie einem Umzug sind sie also eine gute Unterstützung, damit der Hund sich wohlfühlt und nicht zu sehr gestresst wird.

Doch nicht nur unsere Vierbeiner sind Gewohnheitstiere, auch wir Menschen lieben unsere kleinen und großen Gepflogenheiten. Meistens ist das Leben schon (durch äußere Vorgaben) recht strukturiert: Arbeit (oder Schule / Uni), Essen, Körperpflege, Hobbies, Schlafen bestimmen bei den meisten Leuten den Tagesablauf. Ein Hund bringt in der Regel automatisch noch mehr Struktur mit sich: Gassi- und Futterzeiten wollen (zumindest grob) eingehalten werden, aber noch viel mehr machen die kleinen Rituale aus, die sich im Alltag ergeben.

Was bringen Rituale?

Rituale (als, im Gegensatz zu reinen Routinen, bewusst ausgeführte Handlungen) dienen, wie oben schon erwähnt, auch der Stressbewältigung. Biochemisch verhält es sich folgendermaßen: Zum einen benötigen eingeübte, gefestigte Handlungsabläufe weniger Stoffwechselenergie und neuronale Ressourcen als etwa die Verarbeitung oder das Erlernen von Neuem. DGleichzeitig werden vom limbischen System ‚Glücksbotenstoffe‘ ausgesendet, die den ‚Energiesparmodus‘ belohnen: Es entsteht ein Gefühl der Zufriedenheit. Die Aktivität der Großhirnrinde (Cortex), in der komplexere mentale Prozesse (beim Menschen etwa Sprechen oder Schreiben, Pläne entwickeln und ähnliches) ablaufen und gesteuert werden, wird währenddessen zurückgefahren, kann sich also ‚ausruhen‘.

Steht man unter Stress, ‚blockieren‘ die Stresshormone Cortisol und Noradrenalin die Funktionen des Frontalhirns (einem Teil der Großhirnrinde). Dies führt zu schlechterer Denk- und Lernleistung und zu impulsiverem und damit eher unerwünschtem / unvorteilhaftem Verhalten. Von dem negativen Einfluss der Stresshormone sind jedoch die Hirnregionen, die gewohnte motorische Abläufe abspulen (Kleinhirn, Basalganglien) weniger betroffen. Sie können entsprechend ‚automatisierte‘ Abläufe weiterhin problemlos in Gang setzen.

Und hier liegt die Chance: Das Großhirn wird erst einmal entlastet, gleichzeitig kann (insbesondere, wenn in der Situation des Rituals keine akuten Stressoren auftreten) dem Stresshormonlevel durch die freigesetzten Endorphine beigekommen werden. Jetzt muss sozusagen nur noch das Großhirn wieder sanft ‚aufgeweckt‘ werden – und kann dann (hoffentlich) wieder unblockiert seine Arbeit aufnehmen.

Je nach Art des Rituals kann man die stressmindernde Wirkung noch verstärken: So wird bei ausgiebigen Schmuseeinheiten etwa das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das nicht nur das Bindungsverhalten fördert, sondern auch zu einer geminderten Erregbarkeit des körpereigenen Stresssystems.

New beginning

Wie entstehen Rituale?

Neben den biochemischen Wirkungen tragen Rituale auch zu einer Festigung von sozialen Strukturen bei. Sie können ganz bewusst in einer bestimmten Form etabliert werden (sind also sozusagen erlernt / trainiert) oder sich „einfach so“ ergeben, indem ‚zufällige‘ aufgetretene Handlungsmuster zunächst unbewusst, später bewusst wiederholt werden, . Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie gut Hunde Regelmäßigkeiten erkennen können, auch wie gut sie dabei den Kontext mit einbeziehen und sich danach ausrichten: So weiß Mika meist schon viel früher als ich, dass wir ein bestimmtes, unbewusst eingeführtes Ritual für etwas haben.

Man kann sich also zum Beispiel für bestimmte Situationen ein sinnvolles Ritual überlegen, das den Umgang mit der Situation erleichtert und das man dann mit dem Hund einübt, zum Beispiel einen bestimmten Ablauf bei Turnieren, durch den man den Hund und sich selbst auf die Wettbewerbssituation einstimmt, oder das Ausführen von ein paar Tricks, bevor es beim Gassi in den Freilauf geht, damit der Hund nicht gleich aufgeregt losrennt. Oder man baut auf etwas auf, was der Hund von sich aus zeigt. Das ergibt sich natürlich auch häufig durch Verhalten, das wiederum vom Menschen unbewusst ausgeführt wird. Diese Verhaltensmuster sind natürlich nicht so zielgerichtet und es kann, wie schon angedeutet, dauern, bis man sie als solche überhaupt wahrnimmt und sie dann auch bewusst einsetzen kann. Dann haben sie jedoch oft den Vorteil, dass sie sich schon eingespielt haben und ganz ’natürlich‘ ablaufen.

Bei uns kommen Rituale häufig in Übergangssituationen zum Einsatz: Sie erleichtern sozusagen das Verlassen eines Zustands und bereiten auf den neuen Zustand vor, also beispielsweise den Übergang von Ruhephase zu Training und umgekehrt, von drinnen nach draußen, von hohem Erregungslevel zu Entspannung und ähnlichem. Dass solche Abläufe für Mika wichtig sind, merke ich insbesondere daran, dass er sozusagen von sich aus bestimmte Abläufe etabliert bzw. sie einfordert. Ein paar davon möchte ich euch noch im einzelnen vorstellen. Es sind hier also nicht die bewusst antrainierten kleinen Rituale, sondern solche, die sich ‚einfach so ergeben‘ haben und die ich gerade deshalb besonders lieb gewonnen habe.

Wir Gewohnheitstiere

Gemeinsam schnuppern

Auf unserer Nachtgassi-Runde gehen wir eigentlich immer bis zu einer bestimmten Kreuzung. Dort geht eine kleine Straße ab, die sich dann aber zu einer großen Freifläche hin öffnet. Dahinter sind dann irgendwo die S-Bahn-Schienen. Also recht viel offenes Gelände, durch das auch gerne der Wind weht. Hier bleiben wir abends immer stehen, schauen ‚in die Ferne‘ und halten die Nasen in den Wind. Zugegeben, Mika kann mit den olfaktorischen Informationen, die da herangeweht kommen, deutlich mehr anfangen als ich. Ich mache aber trotzdem mit. Wenn wir fertiggeschnuppert haben (Mika gibt da meist das Signal und schaut mich an), geht es dann nach Hause. Und auch, wenn der ein oder andere Geruch Mika sonst vielleicht in Erregung versetzen würde (‚Hmmmm, dahinten im Gebüsch muss irgendwo eine angekaute Brezn liegen…‘), ist er hier immer interessiert, aber nicht aufgeregt. Auch gut für mich, um dann entspannt ins Bett gehen zu können!

Ab ins Bett!

Manchmal klappt es ja doch nicht so recht, direkt ins Bett zu gehen: Hier und dort warten noch wichtige E-Mails oder der Film ist einfach sooo spannend. Mika sieht das natürlich anders: Eigentlich wartet er, dass ich den Rechner runterfahre, den Fernseher ausschalte oder was auch immer ich sonst tue unterbreche. Manchmal dauert es ihm aber zu lange und er geht schon einmal vor zum Schlafen. Wenn ich aber dann nicht in einer ihm angemessen erscheinenden Zeit nachkomme, kommt er mich abholen. Jetzt aber wirklich ab ins Bett! Ich bedanke mich dann natürlich artig und folge der Aufforderung – nicht zuletzt, um Mika noch seine Einschlaf-Kuschel-Routine zu geben (mit der ich übrigens gerne auch die Konditionierte Entspannung festige – also eine äußerst nützliche Routine, wenn man einen Hund hat, der leicht gestresst ist).

Frauli ist da!

Vermutlich hat jedes Mensch-Hund-Gespann ein bestimmtes Begrüßungsritual. Bei uns läuft dieses mittlerweile ohne Riesen-Aufregung, aber dennoch deutlich ausgeprägt ab. Anfangs war das noch anders, da es Mika da viel schwerer gefallen ist, alleine zu bleiben. Das ist (in gewohnter Umgebung) für ihn jetzt kein Problem mehr, aber schöner ist’s halt doch, wenn der Rest des ‚Rudels‘ auch im ‚Revier‘ ist… ;-). Also kommt er angetrabt, wenn ich die Tür öffne, springt an mir hoch (aber nicht mit Anlauf, also keine Unfallgefahr; und ja, er darf das bei mir – und bei anderen Leuten kommt er eigentlich gar nicht erst auf die Idee, sie anzuspringen), gibt ein angedeutetes ‚Küsschen‘ und nutzt die Gelegenheit erst einmal, um sich zu strecken. Ich lasse ihn dann langsam wieder runter und dann ist erst einmal Kopfkraulen und -andrücken dran, im Anschluss dockt er noch mit seiner Flanke an meinen Beinen an und lässt sich gemütlich den Rücken kraulen. Wenn ich alle nötigen Krabbelstellen zu seiner Zufriedenheit bearbeitet habe, tapert er wieder weg und nimmt seine vorherige Beschäftigung wieder auf – und das ist in der Regel schlafen ;-).

Wir gehen raus / zum Training!

Wie schon erwähnt, sind die meisten Hunde unheimlich gut darin, Muster zu erkennen. Man muss ihnen gar nicht großartig erklären, was auf dem Tagesplan steht, sie erkennen es an der Kleidung, die man wählt, die Tasche, die man sich schnappt, oder sonstigen Routinen, die man so durchläuft, bevor es rausgeht. Mikas Aufregung und Begeisterung beim Rausgehen schwankt daher auch ganz schön. Regnerischer Tag und wir gehen nur „normal“ Gassi? Naja, wenn’s wirklich sein muss… ;-). Wenn die Jackpot-Belohnung zusammen mit dem Trailinggeschirr in den Rucksack wandert, sieht das schon ganz anders aus! Ganz wichtig vor dem Rausgehen, wenn alles gepackt, das Geschirr angelegt ist und ich mir gerade die Leine nehme, Mika also ganz sicher ist, dass es jetzt wirklich losgeht, ist aber in jedem Fall: Einmal genüßlich strecken (und, ja, da mache ich dann auch gerne mal mit) und dann doch nochmal schnell andocken an die Beine – was natürlich wirklich praktisch ist, um die Leine ans Geschirr zu machen (und ich vermute mal, dass sich das tatsächlich aus dem Vorgang des Anleinens heraus entwickelt hat)!

Büromodus!

Hin und wieder kommt Mika mit zur Arbeit. Das ist an sich nicht sehr aufregend, aber doch auch nicht ganz alltäglich und wir müssen ja auch erst hinfahren, dann noch eine Runde im Wald drehen und ab da ist sozusagen Büromodus angesagt. Aber um in diesen umzuschalten, muss es erst noch etwas zu Trinken geben. Das Ankommen läuft also immer gleich ab: Sachen ablegen, Napf rauskramen, zum Waschbecken und Wasser reinfüllen und in die ‚Trinkecke‘ stellen. Und das sollte auch möglichst exakt so ablaufen. Es ist ja ganz klar, dass man seinem Hund einen Wassernapf hinstellt, damit er die Möglichkeit hat, zu trinken, wenn er Durst hat. In diesem Fall wartet Mika aber schon richtig darauf, an der bestimmten Stelle seinen (wichtig! andere Näpfe tun’s einfach nicht) Napf hingestellt zu bekommen – und die Fahrt ist nun nicht so lang, dass er dort halbverdurstet ankommen würde ;-). Das Trinkritual ist also eher ein Ankunftsritual. Das funktioniert wunderbar, denn danach kann Mika gut zur Ruhe kommen und seinen wohlverdienten Büroschlaf halten – einfach beneidenswert!

 

Habt ihr auch Rituale? Wie sehen sie aus? Ich würde mich freuen, wenn ihr sie mit uns teilt!

Hallo, mein Name ist Alexandra. Vor sechs Jahren zog Mika, ein ungarischer Mischling, aus dem Münchner Tierheim zu mir in die Stadtwohnung. Seitdem machen wir auf sechs Beinen die Stadt und das Umland unsicher. Als Hundenärrin möchte ich auf Isarhunde.de andere Münchner Hundehalter über die "Hundeszene" der Stadt auf dem Laufenden halten, von Erlebnissen berichten und tierische Fundstücke vorstellen.

7 Comments

  1. Claudia Sagt Antworten

    Liebe Alexandra,

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag und die interessante Erläuterung der Hintergründe! Besonders hat mir die Unterscheidung zwischen Routine und Ritual gefallen! Da war ich wohl etwas pauschaler unterwegs 😉

    Ganz lieben Dank für’s Mitmachen!!

    • Alexandra Sagt Antworten

      Liebe Claudia,

      sehr gerne – ihr habt da auch ein wirklich spannendes Thema aufgemacht :-)! Ich denke, die Übergänge zwischen Ritual und Routine oder Gewohnheit sind auch ganz fließend. Und beides kann auch jeweils zum anderen werden. Noch dazu kann man sich auch fragen, ob ein dem Hund durch den Menschen antrainiertes Verhalten eigentlich ein Ritual sein kann? Oder ob der Begriff Ritual überhaupt passt – das hängt ja auch immer von der Definition ab ;-).

      Ich bin gespannt, ob sich noch ein paar weitere Beiträger finden :-)!

  2. Susanne Oertel Sagt Antworten

    Ach, was für ein herrlicher Beitrag, danke dafür! In einigem habe ich meinen Terrier wieder erkannt, dem wir hier schon den Ruf des beamten zugesprochen haben. Punkt 22 Uhr geht es erst zur letzten Pipirunde in den Garten, anschließend muss der Gute-Nacht-Keks her. Undenkbar wenn irgendwas davon ausfallen würde! Auch das mit dem: Jetzt wird es aber Zeit fürs Bett kenne ich nur zu gut. Sind Garten und Keks erledigt verschwindet Monsieur Terrier auch gerne schonmal alleine ins Bett – um dann 10 Minuten später vorwurfsvoll guckend wieder im Wohnzimmer zu stehen mit Blick auf seine nicht vorhandene Armbanduhr. Ein weiteres Ritual seinerseits: Egal wo wir waren und ob daheim oder wie aktuell im Ferienhaus: Wenn man 10 Minuten weg war MUSS man gucken, ob der Garten noch da ist. Die Fluse ist da einfacher gestrickt und eher so das Modell Mitläufer.

    • Alexandra Sagt Antworten

      Vielen Dank, liebe Susanne :-)! Und bei deiner Bescheibung des Herrn Terrier habe ich mich gerade auch ganz schön beömmelt :-)! Ich kann mich an solchen kleinen Macken ja total erfreuen – und es zeigt auch immer wieder, wie individuell unterschiedlich unsere Fellnasen ticken, das finde ich wunderbar!

      • Susanne Oertel Sagt Antworten

        Ja, die kleinen Macken sind es, die unsere Hunde so liebenswert und eben auch besonders machen. Nach dem Ersthund dachte ich nicht, dass ich noch einmal einen Hund so lieben könnte, aber die Fluse hat es geschafft mit seinen Macken (er trägt gerne und sammelt Müll überall) unser Herz auf ein neues zu erobern. Dass der Terrier auf einem ganz anderen Blatt steht schrieb ich ja bereits ausführlich, dennoch ist er ebenfalls liebenswert (zumindest manchmal *hust*)

  3. Liebster Award | Isarhunde Sagt Antworten

    […] welches Ritual magst du am liebsten? Zum Thema Hunde-Routinen/-Rituale habe ich ja – angeregt durch Canistecture […]

  4. Canistecture //Zusammenträge aller Blogposts - Canistecture Sagt Antworten

    […] Auch Münchener Hunde haben Gewohnheiten – Isarhunde schreibt darüber hier […]

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