Der Hund bei der Arbeit: Vom artgerechten Umgang in der tiergestützten Therapie (Teil 2)

Gastartikel von Stephanie Lang von Langen, Das Wunjo-Projekt

Der Einsatz von Hunden kann die therapeutische Arbeit erleichtern, im Schulunterricht zu mehr Ruhe und Konzentration beitragen und Senioren mehr Lebensfreude, Mobilität und geistige Beweglichkeit schenken. Das ist bekannt, nicht nur unter Tierfreunden. Immer mehr Hunde werden für tiergestützte Therapie eingesetzt. Doch artgerechter Umgang ist dabei oft nachrangig. Wie müssen Ausbildung und Arbeit gestaltet sein, damit sie auch den Bedürfnissen des Tieres gerecht werden? Und worauf sollten Hundehalter achten, die im Bereich der tiergestützten Therapie aktiv werden wollen?

Der Alltag des Therapiehunde-Teams

Kein Hund ist unbegrenzt einsetzbar. Damit er beim Einsatz in der tiergestützten Therapie nicht übermäßig belastet wird, sollte man seinen Hund genau kennen und sehen, wann er Pausen braucht, welche Situationen ihm Stress bereiten und wann man ihn aus der Arbeit nehmen sollte. Idealerweise hat der Hundehalter gelernt, die Signale rechtzeitig wahrzunehmen, damit er den Hund und den Klienten nicht überfordert.

Leider sieht der Alltag häufig anders aus: Viele Hunde werden an ihre Belastungsgrenze getrieben, da ihre Halter unzureichend oder gar nicht ausgebildet sind. Sie fehlinterpretieren Stressverhalten und nehmen ihre Hunde weiter in Altenheime und Schulen mit, obwohl sie dazu nicht mehr in der Lage sind – oder es möglicherweise nie waren.

Kein lukrativer Nebenverdienst

Als lukrativer Nebenverdienst ist die tiergestützte Arbeit mit Hund daher nicht wirklich geeignet. Wer mit seinem Hund sein Einkommen aufbessern will, sei gewarnt: Ein Hund kann nicht jeden Tag und nicht über mehrere Stunden eingesetzt werden.

Natürlich geht ein Labrador in der Regel gern in die Schulklasse und man wird ihm ansehen, dass er all die Kinder liebt, dass er Spaß mit ihnen hat: Doch der Kontakt zu den vielen Kindern ist auch für dieses Tier anstrengend und es muss viele Eindrücke verarbeiten. Auch ein Hund, der viel Kontakt mit fremden Menschen gewohnt ist, kann nicht unbegrenzt eingesetzt werden – auch wenn er stets freundlich ist. Hunde nehmen Stimmungen wahr, auch bei Fremden. Das kann sie belasten. Sie müssen Gelegenheit bekommen, das Erlebte zu verarbeiten. Hunde brauchen Ausgleich in Form von Spielen, Laufen oder Ruhe. Dabei werden die angesammelten Stresshormone abgebaut.

Die Folgen von Stress – auch beim Therapiehund

Wenn der Hund zu lange zu viele Stresshormone im Körper behält, beeinträchtigt das sein Verhalten – zum Beispiel gegenüber anderen Hunden oder Menschen, auch im Alltag. Sie werden schreckhaft, nervös, unsicher, verlieren ihr Lernvermögen. Hier ist der Hundehalter gefragt, für Ausgleich und Ruhe zu sorgen.

Dauerhafte Stressbelastung hat schwerwiegende Folgen, zum Beispiel Angst-Beißen, übermäßiges Bellen oder Ruhelosigkeit.

Die positiven Effekte der Arbeit

Mit einer gut gemachten Ausbildung kann die Arbeit in der tiergestützten Therapie für Hund und Mensch eine wunderbare Erfahrung sein: Viele Teilnehmer berichten, dass sie ihre Hund durch die regelmäßige Beschäftigung miteinander besser kennengelernt haben und dass ihr Hund interessierter ist und folgsamer, dass sie zu einem echten Team zusammengewachsen sind:

  • Der Hund bekommt eine sinnvolle Beschäftigung, die ihn auslastet und ihm Spaß macht. Das Selbstbewusstsein nicht nur des Hundes wächst.
  • Die Zusammenarbeit stärkt die Beziehung von Hund und Mensch. Man erlebt, wie die Gefühle und das Verhalten des Menschen den Hund beeinflussen, wie der Hund als Resonanzgeber wirkt für Stimmungen.
  • Die Arbeit fordert und fördert Charakter und Persönlichkeit von Hund und Mensch. Ein Beispiel: Um anderen Menschen helfen zu können, muss man zunächst lesen können, was der Hund spürt. Man übt Feedback und Empathie.
  • Der Mensch lernt einen verantwortungsvollen Umgang mit seinem Tier, ist Vorbild auch in der Öffentlichkeit, bekommt positive Rückmeldung.

Literaturtipps

  • Prof. Dr. Udo Gansloßer und Petra Krivy: Verhaltensbiologie für Hundehalter – Das Praxisbuch, Kosmos Verlag (August 2011)
  • Monika A. Vernooij und Silke Schneider: Handbuch der Tiergestützten Intervention – Grundlagen, Konzepte, Praxisfelder, Verlag Quelle und Meyer (Februar 2010)
  • Dr. Carola Otterstedt: Mensch und Tier im Dialog – Kommunikation und artgerechter Umgang mit Haus- und Nutztieren. Methoden der tiergestützten Arbeit und Therapie, Kosmos Verlag (Oktober 2007)

 

Stepahnie Lang von Langen
Stepahnie Lang von Langen

Über die Autorin
Stephanie Lang von Langen wuchs in Kenia auf und zog mit 11 Jahren mit Ihren Eltern nach Oberbayern. Sie studierte an der ATN Zürich/Schweiz Tierpsychologie für Hunde und Pferde und arbeitet seit rund 12 Jahren als Verhaltenstrainerin und Ausbilderin für Hundeführer und Hundehalter. Ihre Schwerpunkte sind Verhaltenstraining für Problemhunde, Verhaltensberatung für Auslandshunde sowie Ausbildung zur Personensuche (Mantrailing). 2009 gründete sie in Bad Tölz das Ausbildungszentrum für Therapiebegleithundeteams ‚Wunjo-Projekt‘.

Über das Wunjo-Projekt
Seit 2009 gibt es im oberbayerischen Bad Tölz ein Ausbildungszentrum für tiergestützte Therapie und seit 2013 auch in München Grünwald.
Die zehnmonatige Kompakt-Ausbildung vermittelt alle Kenntnisse und Fertigkeiten zur Arbeit in der tiergestützten Therapie und legt besonderen Wert auf artgerechten Umgang.
Der praktische Teil der Ausbildung findet in verschiedenen sozialen Einrichtungen statt. Vom Wunjo-Projekt ausgebildete Teams arbeiten derzeit in Schulen, Seniorenwohnheimen, sozialtherapeutischen Wohnheimen, einem Mehrgenerationen-Haus, einer Rehaklinik sowie mehreren psychotherapeutischen Praxen in Oberbayern.

Weitere Infos: www.das-wunjo-projekt.de

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